Machen es leichter

Es ist genau das eingetreten, was ich prognostiziert habe. Die einen finden in „The Obsidian Conspiracy“ die Erfüllung ihrer Träume, die Anderen sind der Meinung Nevermore verkaufen sich auf dem neuen Longplayer unter Wert. Kurz vor der Veröffentlichung waren wir zum Gespräch mit Jeff Loomis in den heiligen Hallen von Century Media verabredet. Neben einigen Interessanten Informationen zum Album hatten Jörg und ich natürlich wieder einige Fragen in Petto, mit denen wir Jeff überraschten. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde begannen wir mit einem kleinen Smalltalk.
Hast du hier in Dortmund schon etwas anderes als dieses Büro gesehen?
Ja, wir sind in einigen Clubs gewesen. Gestern waren wir in einer Bikerbar mit so einer Zapfsäule
Du meinst das Kraftstoff?
Ja, genau das war es. Das war ganz schön, aber so etwas ist bei einer Promotour selten. Die meiste Zeit sitze ich hier im Büro und mache Interviews. Entweder kommen die Leute vorbei oder ich sitze am Telefon. Ja, man muss halt etwas tun, wenn man seine Platte promoten will.
Es ist eine ziemlich lange Zeit vergangen seit der letzten Scheibe „The Godless Endeavor“. Du hast zwischenzeitlich an einer Soloscheibe gearbeitet. War es eine Pause die ihr benötigt habt?
Definitiv ja! Wir sind sofort nach der Veröffentlichung von „Godless Endeavor“ (2005) auf Tour gegangen und waren dann fast 2 Jahre durchgängig unterwegs. 2007 hat Steve Smyth die Band verlassen. Jim Sheppard, unser Bassist, bekam Magenprobleme und musste sich gründlich untersuchen lassen, so dass wir eine Pause bekamen. Für uns als Band war es eine wichtige Pause. In dieser Zeit hat Warrel seine Solo-CD aufgenommen und ich habe dann meine Instrumentalscheibe eingespielt. Dann haben wir die DVD „Year oft he Voyager“ veröffentlicht. 2009 habe ich dann angefangen Material für die neue CD zu schreiben. Ich hab Warrel dann Tonnen von Ideen und Demotapes geschickt. Er hat dann die Texte geschrieben und passende Gesangsmelodien entwickelt.
Weitere 6 Monate später sitzt ich nun hier und gebe Interviews. Ich kann dir nicht sagen warum es im Endeffekt so lange gedauert hat, aber ich hoffe, dass es bis zur nächsten Scheibe nicht wieder so lange dauert. 5 Jahre sind im Musikbuiz eine lange Zeit.
Manchmal ist es aber für die Entwicklung der Musik wichtig eine längere Pause zu machen. Bei Bands, die jedes Jahr oder alle 1,5 Jahre ein neues Album rausbringen kommt doch irgendwann der Punkt wo der Fan:“ Nein, nicht schon wieder!“, sagt. An der Stelle ist es vielleicht für die Kreativität wichtig eine Pause zu machen.
Ich denke du hast Recht! Es wäre natürlich kein Problem für uns gewesen, eine „Godless Endeavor Part II“ aufzunehmen. Wir hätten einfach in dem Stil weiterarbeiten können, das wäre sehr einfach gewesen. Ich habe den Fokus diesmal aber darauf gelegt etwas zu verändern. In der Vergangenheit ist Nevermore immer die Band gewesen, die für ihre Komplexität bekannt war. Dieses Mal sollte alles großzügiger ausgelegt und offener sein. Ich wollte Warrel mehr Freiheiten lassen wirklich „catchy“ Melodien und Refrains zu schreiben. Die Refrains kommen jetzt schneller und bleiben leichter hängen. Die Stücke sollten für die Zuhörer einfacher zu greifen sein, so dass die Songs auch Live leichter auf das Publikum übergreifen. Die Musik ist immer noch progressiv, aber sie geht einfacher ins Ohr.
Die neue Scheibe ist auf der anderen Seite aber auch düsterer. Dunkler als die letzten beiden Vorgängerscheiben und catchy! Vielleicht kann man es als Schritt zurück zu „Dead Heart In A Dead World“ sehen?
Ja, stimmt, es gibt einige Parallelen zwischen den Alben. Manchmal hat man das Gefühl, dass sich einige Dinge auf einander beziehen. Ja, ich stimme dir in dem Fall zu.
Ich will ehrlich sein, „The Godless Endeavor“ ist das Nevermore Album, was mir am wenigsten gefällt.
Ach? Wieso? Wobei ich weiß, dass viele Leute die gleiche Meinung vertreten.
Ich hab sie zwar in meiner Sammlung, aber ich habe so meine Probleme mit dem Album.
Ja, das kann ich nachvollziehen. In dem Album steckt sehr viel. Vielleicht sogar zu viel. Es ist an einigen Stellen vielleicht schon überladen. Zum Zeitpunkt als wir das Album geschrieben haben, wollte ich, wie einige andere Gitarristen auch, zeigen was möglich ist. Wir sind dabei manchmal über das Ziel hinausgeschossen.
Diesmal wollte ich einfach so ein „Ahhhh“ (atmet tief durch) Gefühl schaffen. Der Hörer sollte gleich das Gefühl haben, hier bekomme ich etwas wo ich mich schnell reinfinde.
Liegt es vielleicht auch in der Natur eines Gitarristen, dass er zu viel in einen Song reinpacken möchte?
(lacht) Ich glaube, jeder Gitarrist versucht so viel wie möglich in einem Song unterzubringen. Da trifft besonders für die Gitarristen zu, die so eine Art Musik machen wie wir sie machen. Man möchte halt progressiv sein und glaubt, das wäre gut für den Song. Deshalb habe ich diesmal auch gedacht, manchmal ist weniger mehr!
Ich muss sagen, dass ich wirklich sehr schnell in das Album gekommen bin. Aber je öfter ich das Album gehört hab umso besser haben mir die Songs gefallen und umso mehr hab ich in den Songs entdeckt.
Ah! Das ist doch sehr gut, oder? Es liegt vielleicht daran, dass wir in einigen Fällen mit Overtones gearbeitet haben. Wir haben so einige Dinge im Hintergrund versteckt. Da ist mal eine Akustik Gitarre und an anderer Stelle auch nur ein Effekt. Diese Dinge hört man vielleicht erst beim 5 oder 6Mal. Peter Wichers, der uns diesmal als Produzent zur Seite stand hat einen großartigen Job gemacht. Er hat uns bei den Arrangements zur Seite gestanden. Ich habe ihm damals die Demos geschickt und die Songs waren 7 oder 8 Minuten; manche noch länger. Er sagte: „Das streichen wir und das streichen wir.“ So dass er die Songs auf den Punkt gebracht hat. Genauso hat er mir bei den Solos geholfen. Er gab mir Tipps, wie die Solos noch besser zum Song passen. So dass sie ein Teil des Songs werden und für den Hörer nicht wie ein Fremdkörper wirkten. Einen guten Produzenten zu haben ist heute sehr, sehr wichtig.
Es ist also wichtig jemanden zu haben, der von außerhalb der Band auf das Produkt schaut?
Ja, definitiv ja! Er hat uns wirklich sehr viel geholfen.
Bei „Enemy of Reality“ hattet ihr ja Probleme mit dem Mix.
Das war wirklich ein Albtraum. Die Situation war folgende. Der Vertrag mit Century Media war fast ausgelaufen und wir wussten noch nicht, ob wir den Vertrag verlängern. Deshalb hatten wir auch nur ein sehr kleines Budget. Wir suchten also einen finanzierbaren Produzenten und wir haben einen Typen namens Kelly Gray gefunden. Er war ein lokaler Produzent für Seattle Bands, der zwischendurch mal bei Queensryche gespielt hat. Er hatte auch mal eine eigene Band namens „Candlebox“. Kennt ihr „Candlebox“?
Naja, der Kerl hatte noch nie etwas von Nevermore gehört und hat dann diesen grausamen Mix gemacht. Wir hatten keine Ahnung was los war und plötzlich wurde das Album so veröffentlicht. Die Fans haben uns mit schlechten Reaktionen die Bude eingerannt.
Wir haben dann später mit Andy Sneap gesprochen und ihn gefragt ob er uns helfen könne und dem Album einen vernünftigen neuen Mix geben könne. Er hat das dann gemacht und ich finde, dass das Album jetzt gut klingt.
Ich kann wenigstens wieder ruhig schlafen. (lacht) Die Songs für das Album waren wirklich nicht schlecht, nur der Mix!
Die Scheibe neu abzumischen und zwei Jahre später nochmal zu veröffentlichen war das Beste was ihr machen konntet.
Ja, besonders für die Fans. Wir veröffentlichen die CDs ja auch für die Fans.
Ihr habt mit Andy Sneap gearbeitet. Der ja nicht selten mit Kritiken zu kämpfen hat.
Er zieht seine Sache sehr konsequent durch und daran stoßen sich einige Leute. Für die Bearbeitung der Scheibe war er aber genau der Richtige, weil er der Scheibe diesen „organischen Sound“ gegeben hat. Er wusste aber auch wie Nevermore klingen muss, so dass es am Ende eine richtige Nevermore Veröffentlichung wurde. Er weiß einfach wie Gitarre, Schlagzeug, Gesang und Bass auseinander abgestimmt sein müssen und unseren Sound hinzubekommen. Er hat das sehr gut gemacht.
Gibt es eigentlich einen Produzenten mit dem ihr gerne mal arbeiten würdet?
Oh, Junge. Da gibt es einige mit denen ich gerne arbeiten würde. Michael Wagener oder auch Collin Richardsen. Die machen einen klasse Sound. Wir probieren da gerne mal was neues, es macht Spaß immer mal wieder mit anderen Leuten zu arbeiten.
Ist das eine Frage des Geldes?
Möglicherweise … Ja! Diese Leute sind natürlich sehr begehrt und wenn die ihre Forderungen stellen, kann man meist: „Danke schön“ sagen.
Es ist schon witzig, du kannst mit der richtigen Software ganz schnell eine Scheibe aufnehmen. Wenn du den Richtigen Menschen für deinen Sound findest, kannst du CD in deinen eigenen vier Wänden aufnehmen. So hab ich das mit meiner Soloscheibe gemacht. Ich hab sie in meinem eigenen Studio bei mir zu Hause aufgenommen und abgemischt. Das war gar kein Problem.
Ihr habt einen neuen Gitarristen! Habt ihr ihn nur für die Tour, oder ist er als festes Mitglied geplant?
Du kennst unsere Geschichte der 2. Gitarristen. Das ist schon fast Spinal Tap mit Gitarristen. Unser neuer Mann heißt Atilla und kommt aus Budapest, Ungarn. Er ist 24 Jahre und spielt fantastisch. Wir sind auf ihn aufmerksam geworden, weil er seine Videos auf Youtube eingestellt hat, auf denen er auch Nevermore Songs spielt. Unser ehemlaiger Gitarrist Chris Broderick hat ein Tape gemacht und es sofort an mich weitergeleitet. So sind wird auf ihn aufmerksam geworden und dann hat Warrel ihn für seine Solo CD in die Band genommen. Warrel hat in den USA eine kleine zwei Wöchige Tour gemacht und hat ihn dann getestet.
Wir werden uns die Ruhe antun und nicht sofort sagen, hey, du bist jetzt als festes Mitglied in der Band. Wir schauen mal wie er sich auf den Sommerfestivals schlägt. Wir hoffen natürlich, dass alles wunderbar klappt und er dann festes Mitglied wird.
Tour ist ein gutes Stichwort. Nevermore ist eine Band, die für ausgedehnte Touren bekannt ist und die auch immer sehr lange in Deutschland unterwegs ist. Was ist da für die Scheibe geplant… die Festivals und sonst?
Wir werden die Festivals spielen, dann wird es eine Headliner Tour in Europa und den USA gehen. Japan und Südamerika stehen auch noch auf dem Fahrplan. So dass wir im nächsten Jahr ganz gut beschäftigt sein werden.
Wie sehen die letzten2 bis 3 Wochen vor der Tour bei dir aus, wenn du die nächsten 3 oder 4 Monate unterwegs bist. Verbringt man dann mehr Zeit mit der Familie?
Ja, das kannst du glauben. Man versucht Kraft zu tanken und viel Zeit mit der Familie zu verbringen. Ich habe eine tolle Familie und es ist schon ein komisches Gefühl, wenn du weißt du wirst sie bald 3 oder 4 Monate nicht sehen.
Auf Tour bist du ständig unterwegs, du bist ständig unter Druck. Da möchtest du die letzten Tage wirklich genießen. Zu Hause sein, dich ausruhen ein paar Filme sehen und das Leben mit der Familie zu genießen. Es ist so schön, wenn man sich zu Hause wohlfühlen kann und sich entspannen kann. Wenn du erst mal mit 5 Verrückten Kerlen in einem Tour Bus sitzt ist es mit der Ruhe vorbei (Jeff lacht). Aber auch das genieße ich. Ich mach das ja schon sehr lange … seit ich 23 Jahre bin. Ich glaube du musst das auch mögen und genießen, ansonsten wirst du auf Tour nicht glücklich.
Da hilft die moderne Technik mit Internet usw. mit der Familie in Kontakt zu bleiben.
Stimmt und es ist umsonst, wenn man Skype oder sowas in der Art benutzt, kann man viel und oft mit der Familie reden.
Für solche Telefonate ist Skype gut, bei Interviews ist es ziemlich beschissen.
Ja, da gebe ich dir recht. Es ist schon blöd, wenn man das Headset auf hat, man ist so eingeschränkt. Aber es ist wahrscheinlich der billigste Weg.
Ich hab eine nicht alltägliche Frage. Stell dir vor, Century Media würden ein Nevermore Tribute Album planen und dich fragen welche Bands eure Songs covern sollen. Du sollst dich dabei aber nicht nur auf Metal Bands konzentrieren. Du kannst alle Genres wählen, die du hören möchtest. Pop … Jazz
Oh eine Jazz Band die einen Nevermore Song covert … haha. Weißt du was sehr cool wäre? Wenn Frank Zappa noch leben würde und einen Nevermore-Song covern würde. Ich bin ein wirklicher Fan seiner Musik. (kurze Pause) Hui, man, dass ist eine wirklich harte Frage … Was auch cool wäre Rodrigo Y Gabriella die beiden Flamenco Gitarristen, die schon mal Metallica gecovert haben. Die sind wirklich gut. Von denen würd ich gerne mal einen Nevermore Song hören. Thin Lizzy wäre auch interessant. Vielleicht noch Van Halen … Oh man, das ist wirklich eine gute Frage … wirklich hart … ich weiß nichts mehr.
Ich hab im Internet gelesen, dass ihr neben den normalen Songs noch zwei Doors Songs aufgenommen habt.
Nein, es ist nur einer gewesen! Ein Song von den Doors und ein anderer von einer Band namens The Tea Party. Wir haben zum ersten Mal von dieser Band gehört als wir 1995 hier auf Tour waren. Ich glaube es war mit Blind Guardian. Da haben wir an einem Abend die Chance gehabt diese Band zu sehen. Das war wirklich gut. Der Sound des mittleren Ostens und außergewöhnliche Instrumente wie eine Zitter, das war wirklich hervorragend. Warrel ist gleich ein Fan der Band geworden und dann haben wir überlegt, wie wir unsere Band Nevermore in diesen Sound übertragen können. Wir fanden die Aufgabe so reizvoll, dass wir dieses Cover versucht haben. Einen Doors Song wollten wir schon immer machen und so haben wir uns für „The Chrystal Ship“ entschieden. Wir mögen den Song und haben überlegt was wir machen können. Wir haben uns dann für eine akustische Version entschieden und versucht so viel Nevermore wie möglich unterzubringen. Ich hoffe, dass wir das geschafft haben und die Fans mögen es.
Es ist schon hart für eine Metal Bands Songs wie diese zu covern. Es ist etwas anderes und wir wollen uns immer von den anderen Bands unterscheiden.
Es ist ja auch so, dass ihr bekannt dafür seid für Metal eher untypische Bands zu covern, wie z.B….
…Judas Priest oder Simon and Garfunkel.
Ihr habet einen Judas Priest Song gecovert?
Ja, damals für die Tribute Scheibe „Love Bites“. Wir haben damals wirklich versucht unsere eigene Version zu machen. Genau wie die Simon and Garfunkel Version auf „Dead Heart…“. Diesmal haben wir bewusst versuch sehr nah am Original zu bleiben.
… dann habt ihr nochmal etwas von Bauhaus gemacht.
Ja, wir haben da zwei Stücke vermischt. Manchmal ist so etwas untypisches etwas, was die Fans besonders mögen.
Ist es möglich, dass ihr auf Tour wieder mehr von der ersten Nevermore CD spielt?
Ich würde das gerne machen, aber Warrel wehrt sich da noch etwas. Ich finde das da wirklich gute Stücke drauf sind und ich sage häufig:“ Komm lass uns doch noch was von der Scheibe spielen. Es scheint aber nichts zu werden.
Und wie sieht es mit Sanctuary Songs aus?
Ich habe gehört, dass es da eine Reunion geben soll. (Inzwichen ist dies Realität, die Red.)
Jeff führt die Sache mit der Sanctuary Reunion noch etwas aus. Mittlerweile haben sich diese Gerüchte ja bestätigt, so dass wir dazu nichts mehr sagen müssen. Die ersten Auftritte bei Festivals sind gelaufen und Nevermore haben bewiesen dass sie verdammt gut drauf sind. Die neuen Stücke konnten mich auch on Stage voll überzeugen.





